Julia

Ich bin im Urlaub, als mich die Zeilen von Julia erreichen. Wer den Artikel über Max zuvor gelesen hat, weiß bereits, dass Julia sich von Max getrennt hat. Sie bat mich, auch ihren Teil zu veröffentlichen. Da ihre Nachricht detailliert und sehr liebevoll geschrieben ist, werde ich den Ausschnitt hiermit ungeändert einbringen:

“…Zunächst möchte ich sagen, dass ich sehr gerührt von den Worten bin, die Max aufgebracht hat und von dem Mut, der damit verbunden ist. Auch möchte ich ihn auf diesem Wege nicht bloßstellen, aber dennoch jeden wachrütteln, der mit diesem Thema konfrontiert ist. Ich habe für Max die größte Liebe empfunden. Er war auf den ersten Blick ein einfühlsamer, kluger und vor allem sehr witziger Mann. Attraktiv und sportlich. Noch dazu Vater eines Kindes. Und seit einiger Zeit konsequent geschieden. Hier gab es nur gelegentlich Schwierigkeiten in Bezug auf alte und neue Beziehung. Doch dann änderte sich alles relativ zügig, aber trotzdem bis dahin noch eher unterschwellig. Im Prinzip ist es genauso gewesen, wie Max es beschrieben hat. Den Alkohol nahm ich am Anfang kaum wahr. Max hat getrunken, wie jeder andere auch. Lediglich nach größeren Mengen auf Feiern fiel mir auf, dass seine Launen anschließend bzw. am Tag danach extrem schnell kippten. Ich schob das zunächst auf Stress, Arbeit und die Probleme, die sich als Patchworkfamilie nun einmal ergaben. Max wurde unzufriedener. Obwohl wir gerade erst ein knappes Jahr zusammen waren. Wir lebten zu diesem Zeitpunkt noch nicht zusammen. Wir sahen uns kaum, obwohl uns nur drei Ortschaften trennten. Mir war das auf Dauer zu wenig. Zu wenig Nähe. Zu wenig Gemeinsamkeiten. Erst recht mit drei Kindern. Da wäre ein gemeinsamer Haushalt wesentlich einfacher und zeitsparender gewesen und die Möglichkeit, endlich richtig zusammenwachsen zu können. Doch Max schien alledem aus dem Weg zu gehen. Er brauchte seine Ruhe. Und fing an, jedes Wegbleiben anfangs mit kleineren und später dann mit ganz unverblümten Schuldzuweisungen zu rechtfertigen. Schuld war alles mögliche. In erster Linie meine Kinder, keine Ruhe, Zeit für sich, dann ich. Vor allem, wenn ich es wagte, Ansprüche zu stellen. An ihn und an unsere Beziehung. Max war nicht in der Lage, sich mit mir an einen Tisch zu setzen und Probleme anzusprechen. Und schon gar nicht, sie zu lösen. Statt Einsicht gab es nur den Fingerzeig. Man kann das garnicht beschreiben. Ich hatte zuvor noch nie einen Menschen kennengelernt, der nicht einen einzigen Fehler benennen konnte und auch nicht lösen wollte. Begleitet wurde all dies von Gefühlsausbrüchen. Manchmal hat ihn die Fliege an der Wand gestört, obwohl er fünf Minuten vorher noch total entspannt und lustig war. Das trat immer häufiger auf. Ich habe in Max am Ende nur noch Wut und Leere gesehen. Oder das extreme Gegenteil. Vor allem, wenn sein Sohn anwesend war oder Freunde und Personen außerhalb unseres Kreises. Dann war Max der freundlichste und redegewandteste Mensch auf Erden. Er sprühte vor Charme und Witz. Durch dieses Extrem habe ich mir meine Gedanken gemacht. Bis ich durch Zufall auf das Thema Alkohol gestoßen bin. Ich begann, genauer hinzusehen. Max konsumierte tatsächlich fast täglich ein Glas Wein oder Bier. Das anzusprechen, verschlimmerte unsere Situation. Anfangs wollte Max darüber nachdenken. Und ließ hin und wieder, vor allem vor sportlichen Ereignissen oder größeren Vertragsverhandlungen sogar für eine längere Zeit den Alkohol weg. Damit war der Beweis erbracht und eine Abhängigkeit für ihn ausgeschlossen. Dafür wurde das Wegschieben meiner Person um so heftiger. Max ging mit seinen Freunden fast ausschließlich ohne mich weg. Gemeinsame Zeit gab es dafür kaum noch. Die Vorwände blieben die gleichen. Nach Feiern musste er sich ausruhen.  Klar, die Energie war weg. Ich bat Max, Prioritäten zu setzen. Das tat er. Nur, die waren leider nicht wir. Nicht einmal meine Geburtstage oder die meiner Kinder oder andere Feiertage und Urlaube waren mehr wichtig. Keine Blumen, kein gemeinsames Frühstück oder Reinfeiern. Keine Ausflüge. Keinerlei Bemühungen. Ich glaube, Max hat mich am Ende nicht einmal mehr wirklich wahrgenommen. Ich suchte mir Hilfe bei einem Psychologen mit Suchterfahrung und in einer Selbsthilfegruppe. Hier lernte ich, wie Alkohol die Psyche und den Körper veränderte. Selbst wenn jemand nicht körperlich abhängig ist, macht dieser Stoff den Körper kaputt. Und wenn du das über Jahre betreibst, hat das eben seine Auswirkungen. Es schien jeder zu kennen, wovon ich sprach. Was mich jedoch am betroffensten machte, war die Hilflosigkeit, in der sich ebenfalls jeder befand. Denn eins war den meisten vertraut: Hilfe von Freunden und Verwandten gibt es fast nie. Das hörte ich auch von Max so oft: “Wenn es so wäre, hätte mich bestimmt schon jemand darauf angesprochen!” Nein, eben nicht. Das bestätigte mir auch der Psychologe: “Das höre ich fast immer. Das Problem ist, dass jeder Außenstehende das immer als Momentaufnahme betrachtet. So ungefähr: wenn der geschlafen hat, dann ist er wieder fit. Sie können die Situation noch dazu jeder Zeit verlassen und tun es nach jedem Treffen und gemeinsamer Zeit ja auch. Damit ist das Thema meist wieder vom Tisch. Alkohol ist ein unangenehmes Thema. Ähnlich wie das Sterben. Wieviele Menschen wenden sich da von anderen ab. Wenn die Betroffenen sich selbst sehen könnten, würden sie erschrecken. Meistens nehmen sie ihr Verhalten aufgrund des Alkohols und Filmrisses ja nicht wahr. Das, was man sagt, sind für sie Geschichten. Und sie befinden sich unter anderem im Gefühlschaos, da der Körper ständig im Entgiftungsvorgang ist. Aber Gefühle wie Leere, Lustlosigkeit, Depressionen, Verstimmungen, Antriebslosigkeit werden natürlich nicht mit dem Alkohol verbunden. Wenn man als Angehöriger das Thema anspricht, wird es schwierig, da die Betroffenen ihre Komfortzone verlassen müssten und eigentlich wissen, das nur sie selbst etwas ändern müssten. So lange es geht, wird das Wegschieben dieser Menschen (oft einzigen Personen, die wirklich und ehrlich helfen wollen) vorgezogen. Bis entweder die Einsicht kommt oder derjenige mehr und mehr die Einsamkeit und das eigene Heim vorzieht. Wenn jeder Betroffene wüsste, wie einfach und leicht das eigene Leben ohne Alkohol wieder wird, würde er nicht einen Augenblick vor der Abstinenz zögern!”, so der Psychologe. “Doch leider rebelliert da das Gehirn, denn es will ja den Stoff und sorgt dafür, dass er schmeckt.” Ich glaube, das war der größte Einschnitt in meiner Beziehung zu Max. So ein bisschen Flüssigkeit hatte solche Auswirkungen und Einfluss auf unser einziges Leben? Ich habe lange gekämpft. Mit viel Druck und Hinreden sind wir kurz vor der Trennung noch in ein gemeinsames Haus gezogen. Es war nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn es waren kein freiwilliges Möchten oder Liebe der Grund für diesen Schritt sondern nur noch Verzweiflung und mein Drängen. Mit der Selbshilfe kam die Erkenntnis, dass Max niemals die Einsicht wählen würde. Er sah nur mich als Grund am Scheitern von Beziehung und Gefühlen. Und dann kam der Punkt, wo es in mir kaputtging. Ich war unendlich traurig, dass Max mir nie vertraut hatte, sich öffnen zu können und sich helfen zu lassen. Damit wir endlich das leben konnten, was uns ausgemacht hatte. Und nicht nur für Momente oder ein paar gute Tage zwischendurch, die immer wunderschön waren und mich hoffen ließen, dass es eines Tages dauerhaft so sein würde. Heute weiß ich, dass er das nie so empfinden konnte, aber es war dennoch nur er selbst, der das ändern konnte. Ein Teil von mir liebt Max noch immer. Warum ich das hier so offen schreiben kann, wenn ich einen neuen Mann kennengelernt habe? Weil ich genau das mit ihm kann: ehrlich sein. Max hatte viele Chancen. Diese neue Person nimmt mich wahr und bemüht sich. Hat er nicht ebenfalls die Chance auf eine liebevolle und ehrliche Beziehung verdient? Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Ich weiß nicht, wie nachhaltig  und dauerhaft der Weg von Max sein wird. Im Moment freue ich mich für ihn, dass er den Anfang gemacht hat. Wir haben uns einmal getroffen. Und er hat wirklich anders ausgesehen. Gesünder und kraftvoller. Ich habe Lebendigkeit in seinen Augen gesehen. Ich wünsche mir mehr Aufklärung und Hilfe für Angehörige. Und ich wünsche mir, dass das Thema Alkohol als Droge Nummer eins in Deutschland kein Tabu mehr in der Gesellschaft ist. Wir gehen zum Sport, essen gesund, gehen zur Vorsorge, achten auf Gesundheit und gute Blutwerte, aber kehren dieses Thema lachend unter den Teppich. Ist es doch mit so viel Leid verbunden…”

Liebe Julia, ich danke Dir sehr für Deine Zeilen. Ich lese sie nicht unbefangen, fühle Traurigkeit und Abschied, Bestätigung für eigene Entscheidungen. Ich hoffe, dass Dein Beitrag  viele Menschen erreicht und ermutigt. Zu gehen und zu helfen. Dass Deine Zeilen Max erreicht haben, weiß ich genau. Egal, wie es für Euch weitergeht, ich wünsche Euch Kraft und Liebe.

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